Joseph Pfefferles Irrweg von Nikolajewsk über Muroran | Seattle | New York und Kopenhagen zurück ins Deutsche Reich
Fotos von Joseph Pfefferle, die ihn zu Weihnachten 1914 zeigen (direkt nach seiner Rückkehr); eine Postkarte, die ihn sitzend zeigt, adressiert an seinen Vater Max Pfefferle vom 23. August 1915; zwei Fotos der Familie beschriftet mit Neuenburg 1917; ein Foto von Pfefferles Schwager Adolf Behrens (geb. am 27. Juni 1879), der wohl 1917 gefallen ist.
Joseph Pfefferle verließ am 13. Mai 1914 als Vertreter der Rickmers-Linie auf dem Dampfer Queen Adelaide Hamburg. Die Reise ging von Hamburg über Antwerpen, Liverpool, Algier, Port Said, Colombo nach der chinesischen, japanischen und russischen Küste bis nach Nikolajewsk. Auf dem selben Weg sollte die Reise zu einem nordeuropäischen Hafen wieder zurück gehen.
In Singapur erhielt die Mannschaft durch die Zeitung die Nachricht von der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Niemand hatte daran gedacht, dass sich aus diesem Ereignis ein Krieg entwickeln könne. Als das Schiff am 25. Juli in Wladiwostok eintraf, hatte sich die Lage schon zugespitzt. Am 31. Juli war man klar zum Auslaufen nach Nikolajewsk.
Pfefferle hatte an diesem Morgen noch eine Besprechung mit dem Konsul in Wladiwostok und dieser meinte, man könne es ruhig wagen, mit dem Schiff, dass unter englischer Flagge fuhr, nach Nikolajewsk zu fahren. Der Konsul stellte Pfefferle einen Reisepass aus mit der Anweisung, sich im Falle einer Mobilmachung in die deutsche Kolonie Tsingtau zu begeben. So ging es am 31. Juli abends um 18 Uhr mit der Queen Adelaide weiter nach Nikolajewsk.
Am 4. August gegen 16 Uhr kam das Schiff in Castries-Bay an, wo der Lotse für den Armur-Fluss an Bord genommen werden sollte. Dort wurde die Besatzung eines anderen Schiffes, der Sabine Rickers, bereits gefangen genommen. Von ihnen erfuhr Pfefferle, dass Deutschland am 2. August Frankreich und Russland den Krieg erklärt hatte. Die russischen Behörden wollten Pfefferle gleich da behalten, doch gehörte er zur Besatzung eines englischen Schiffes. Schließlich erhielten sie einen Lotsen und konnten am Morgen des 5. August die Fahrt nach Nikolajewsk fortsetzen, wo man am 17. August eintraf. Dort beschlagnahmten die Militärbehörden sogleich die Papiere der Besatzung, zu der außer Pfefferle noch zehn weitere Deutsche gehörten. Am Abend kehrten die Militärbeamten zurück und verlangten die Auslieferung der Deutschen an Bord. Der englische Kapitän weigerte sich, ihm wurde aber damit gedroht, selbst verhaftet zu werden.
Am nächsten Morgen beschwerte sich der Kapitän sofort beim Gouverneur und erhielt die Erlaubnis, drei Mann wieder zurückzunehmen, darunter Pfefferle. Jedoch durfte er das Schiff nicht verlassen, da er sonst verhaftet würde. Die meiste Zeit verbrachte er fortan in seiner Kammer. Die folgenden 14 Tage beschreibt er als die schlimmsten, die er je durchgemacht habe. An Nachrichten erhielt er nur die zensierten russischen, wonach man denken konnte, das Deutsche Reich stünde kurz vor der Niederlage. Zu schaffen machte ihm zudem der akute Geldmangel, doch half ihm der englische Kapitän, zumindest die Auslagen für das Schiff zu bestreiten. Auch für die an Land gebliebenen Deutschen und die Besatzung der Sabine Rickmers besorgte er zum Beispiel Tabak, Kakao oder Konserven.
Am 31. August konnte das Schiff Nikolajewsk verlassen und steuerte Richtung Muroran in Nordjapan, das am 5. September erreicht wurde. Pfefferle hatte die Absicht, sich von hier nach Tsingtau durchzuschlagen. Da jedoch das Ultimatum, dass Japan an Deutschland gestellt hatte, abgelaufen war, durfte er auch hier nicht von Bord. Das Schiff erhielt derweil den Befehl, nach Portland/Oregon zu fahren. Der englische Kapitän erklärte sich bereit, Pfefferle dorthin mitzunehmen, dem auch keine andere Wahl blieb, als mit in die (noch) neutralen USA zu fahren. Am 22. September traf das Schiff in Portland ein. Er meldete sich schriftlich beim deutschen Konsul in Seattle und bat gleichzeitig um Mittel für die Heimreise. Seine Barmittel betrugen dann noch 30 Rubel und 15 Tsingtau-Noten. Das Konsulat in Seattle konnte nicht helfen, das Generalkonsulat in San Francisco ebensowenig. In der Zwischenzeit meldete er sich bei der Einwanderungsbehörde und stand fortan unter dem Schutz der Landesgesetze. Versuche, mit einer Reederei in Verbindung zu kommen, gelangen jedoch lange Zeit nicht. So schlug er sich mehr schlecht als recht durch.
Ohne zu wissen woher das Geld kam, wurde ihm durch ein Bankhaus in Washington am 30. Oktober 125 Dollar überwiesen. Mit dem Geld reiste er per Zug nach New York, wo er am 4. November eintraf und dort zufällig von einigen Leuten seiner Reederei, die von Shanghai nach New York gekommen waren, gefunden wurde. Er versuchte zunächst, holländische, dänische und Schweizer Papiere zu bekommen, was misslang. Schließlich erhielt er amerikanische Papiere und am 9. Dezember zur Abfahrt bereit, glatt rasiert, sämtliche Anzeichen, die auf meinen deutschen Ursprung hinweisen konnten, nach Möglichkeit verwischt. Als Amerikaner reiste Pfefferle so mit dem dänischen Dampfer Frederik 7 nach Kopenhagen ab. Die Reise verlief ohne Probleme, bis am 17. Dezember kurz nach Passieren der Shetland-Inseln der Funkspruch kam, dass das Schiff von englischen Kreuzern durchsucht werde.
An diesem Tag merkte ich erst, dass sich außer mir noch mehrere Deutsche an Bord befanden, erinnerte sich Pfefferle. Doch sie hatten Glück. Bei Tagesanbruch bogen die englischen Kreuzer nach Süden ab, das Schiff Pfefferles steuerte gen Norden. Durch die Zeitung erfuhr man, dass am Morgen die Beschießung von Hartlepool, Scarborough und Whitby stattgefunden hatte und die englischen Kreuzer wohl zu Hilfe geeilt waren. 24 Stunden später sahen wir Norwegens Küste vor uns liegen und dampften unter der Küste unserem Bestimmungshafen entgegen, so Pfefferle. Endlich am 23. Dezember, nachmittags 5 Uhr setzten wir 50 Mann Deutsche mit einem kräftigen 'Hurra' auf Kaiser und Reich den Fuß wieder auf deutschen Boden in dem schönen Badeorte Warnemünde, der allerdings ein recht kriegerisches Aussehen hatte. In den folgenden Jahren war auch Joseph Pfefferle im Krieg und diente in der 2. Marine-Division, die in den Kriegsjahren hauptsächlich beim Küstenschutz und Küstengefechten in Flandern eingesetzt war.
CREATOR
Ilse Windhoff
DATE
1914-05-23 - 1917
LANGUAGE
deu
ITEMS
6
INSTITUTION
Europeana 1914-1918
PROGRESS
METADATA
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