Sein Kompass

Magnet-Kompass, mit dem mein Großvater 1916 aus französischer Kriegsgefangenschaft flüchtete. Das Objekt und seine Geschichte wurde für die Enkel zur ersten Berührung mit dem Ersten Weltkrieg
Ein Kompass ist ein Instrument zum Bestimmen der Himmelsrichtung. Am gebräulichsten ist der Magnetkompass, dieser besteht aus einer sich in waagerechter Richtung frei drehenden Magnetnadel, die sich infolge des erdmagnetischen Feldes in Nord-Süd-Richtung ausrichtet. Ich schlage selten Wege ein, die einen Kompass benötigen. Und doch begleitet mich seit Kindheitstagen ein Kompass. Ein Magnetkompass. Hugo Hummel, mein Großvater väterlicherseits, nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Knapp achtundzwanzig Jahre war er alt, als 1914 der Krieg begann. Begeistert rückte er ein, mit dem Bewusstsein, dass sein Kriegsdienst ein selbstverständlicher Dienst fürs Vaterland ist. Eine Pflicht, die er nicht in Frage zu stellen hat. Bestimmt verspürte er auch ein wenig Abenteuerlust bei seiner Einberufung. Die Erkenntnis, dass Krieg kein heiteres Spektakel ist, und Völkerschlachten nur der Gipfel verfehlter Politik, dämmerte ihm spät. Für seine Person glücklicherweise nicht zu spät. Viel später, ein paar Jahrzehnte waren inzwischen verstrichen, erzählte er uns Enkeln seine Kompassgeschichte. Großvater und Großmutter heirateten 1918, gleich nach dem Krieg. Sie bekamen zwei Söhne, die sie gemeinsam großzogen. Mein Vater, der älteste, kam 1919 zur Welt. Er und sein Bruder nahmen am folgenden Zweiten Weltkrieg teil. Zwei furchtbare Kriege lagen hinter Großvater, als ich 1947 geboren wurde. Seine erste Enkelin. Er wurde am 9. Dezember 1886 geboren. Seinen Geburtstag feierten wir stets im großen Familienkreis. Er liebte Feste, genoss bodenständige Küche und guten Wein. Nie vergaß er zu betonen, dass er Glück hatte. Im Gegensatz zu vielen anderen. Inzwischen hatte ihn die Zeit zum erzählfreudigen Opa geformt. Wir heranwachsenden Enkel waren im Fragealter angekommen. Sein Kompass hing an gut sichtbarer Stelle, in der Stube neben den Familienbildern. Natürlich fragten wir danach. So erfuhren wir zuerst von diesem Ersten Weltkrieg, den wir als Großvaters Abenteuer kennenlernten. Dieser Krieg bestand für uns wesentlich aus seiner Gefangenschaft und der Flucht aus selbiger. Irgendwo in Flandern kam er 1916 in französische Kriegsgefangenschaft. Nach heftigen, auf beiden Seiten verlustreichen Kämpfen. Im Gefangenenlager hatte er wenigstens eine Verschnaufpause. Gemeinsam mit anderen Gefangenen schickte man ihn tagtäglich zur Arbeit in eine Zuckerfabrik. Vielleicht in Colleville? Leider weiß in der Familie niemand mehr den genauen Ort. Er musste hart arbeiten, das Essen war karg. Es ging ihm dort nicht gut. Anderes erwartete er nicht. Schließlich wütete zu diesem Zeitpunkt ein schrecklicher Krieg zwischen den Boches und dem „Franzmann“. Lebensmittel waren für Freund und Feind knapp geworden. Erstaunlich, die Post funktionierte. Mein Großvater schrieb Briefe nach Deutschland, und die kamen an. Genauso lief es umgekehrt, er erhielt Antwortbriefe. Bevor er ins Feld zog, hatten sich meine Großeltern verlobt. Für alle Fälle vereinbarte er mit seiner Verlobten eine Geheimschrift. Allein diese verschwörerische Idee zwischen zwei Liebenden faszinierte uns alle. Der Briefschreiber markierte innerhalb eines Briefes verschiedene Buchstaben mit winzigen Tröpfchen Zitronen- oder Essigsäure. Hielt man den Brief gegen Kerzenlicht wurden die Punkte sichtbar. Nun musste man nur noch die so gekennzeichneten Buchstaben aneinanderreihen und schon war die Botschaft zu lesen. Mit dieser Geheimschrift bat er seine Freundin, sie möge ihm eine Karte und einen Kompass ins Lager schicken. Er beschrieb sogar genau, wie sie das anstellen sollte. Sie verstand die Botschaft. Beim Flaschner des Ortes ließ sie eine Dose präparieren. Der lötete in eine Marmeladendose einen zweiten Boden ein. Zwischen die Böden steckte er die erwünschten Utensilien. Die Wunderdose landete tatsächlich völlig unverdächtig im bretonischen Kriegsgefangenenlager. Soweit finde ich die Geschichte bereits ungeheuerlich. Doch nun kommt der Clou. Meinem Großvater gelang mit der Karte und dem kleinen Kompass tatsächlich die Flucht aus seiner Gefangenschaft. Über mehrere Tage schlug er sich durch, meistens in der Dämmerung und bei Nacht. Er ernährte sich von zuvor im Lager gesammelten Lebensmitteln. Wahrscheinlich trockenes Brot und gekochte Kartoffeln. Genauer beschrieb er das nicht. Essen schien dabei sein geringstes Problem. Ohne direkte Gefahren erreichte er die deutsche Linie. Er sah so übel aus, verdreckt, abgemagert, erschöpft, dass seine Leute eine Weile brauchten, bis sie ihn als Kamerad erkannten. Immer wieder wünschten wir uns die Geschichte und Großvater erzählte. Großmutter unterbrach gelegentlich seine Erzählung, er solle doch die alten Kriegsgeschichten lassen. Sie fände diese gar nicht spannend. Sie sei einfach froh, dass diese Zeiten vorüber seien. Lasst uns lieber miteinander spielen, insistierte sie. Mein Großvater zog sie dann manchmal an sich und strich ihr dabei liebevoll über den Hintern, mit der Bemerkung: Sei nicht so streng mit mir, setz dich halt dazu. Was die Geschichte betraf, hielten wir Enkel wie Pech und Schwefel zu ihm. Ohne den Höhepunkt, mit dem verschmutzten Eintreffen des Geflüchteten hinter der deutschen Linie, gab es kein Halma oder Mau-Mau. Später, als wir dem Alter des gläubigen Zuhörens entwachsen waren, erhielt die Geschichte eine andere Pointe. Mit zunehmender Erkenntnis wollten wir nämlich mehr von diesem Krieg zwischen den Franzosen und den Deutschen wissen. Und mein Großvater erzählte jetzt ernster. Seine Geschichte trat zunehmend in den Hintergrund. Krieg ist kein Abenteuer, sagte er. Was wussten wir damals schon von Frankreich? Was wussten Franzosen von uns? Plötzlich wurden `Franzmänner` Menschen und die `Boches` ebenso. Großvater freute sich, dass er noch erleben durfte, dass Franzosen und Deutsche zu Nachbarn geworden waren. Großvater verstarb am 9. Januar 1971. Seit dem hängt der kleine Kompass neben meinem Schreibtisch. Er funktioniert, trotz der reichlich angegrauten Kompassrose. Er erinnert mich nicht nur an meine Großeltern. Er verortet ein Stückchen Europa. Die EU ist Wirklichkeit.

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CREATOR

Barbara Hummel-Joesten

DATE

1916

LANGUAGE

deu

ITEMS

1

INSTITUTION

Europeana 1914-1918

PROGRESS

START DATE
TRANSCRIBERS
CHARACTERS
LOCATIONS
ENRICHMENTS

Generating story statistics and calculating story completion status!

METADATA

Source

UGC

Contributor

europeana19141918:agent/d4a665a54b63943b251570b568439b94

Date

1916

Type

Story

Language

deu
Deutsch

Country

Europe

DataProvider

Europeana 1914-1918

Provider

Europeana 1914-1918

Year

1916

DatasetName

2020601_Ag_ErsterWeltkrieg_EU

Begin

1916

End

1916

Language

mul

Agent

Barbara Hummel-Joesten | europeana19141918:agent/d4a665a54b63943b251570b568439b94
Hugo Hummel | europeana19141918:agent/dc43e497de9cc18b415861ea9e276e4c

Created

2019-09-11T08:32:14.207Z
2020-02-25T08:35:38.338Z
2014-02-03 15:30:52 UTC
2014-02-03 15:36:57 UTC

Provenance

INTERNET

Record ID

/2020601/https___1914_1918_europeana_eu_contributions_13102

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